Basler Zeitung
Samstag/Sonntag
22./23. Juli 2000
 
Basel-Stadt

Erlkönig Aussen

Das ehemalige DB-Areal - der Keim eines entstehenden Quartiers.
Foto: Tino Briner



 

Auf dem DB-Areal Spuren für die Zukunft legen

 

Die Zwischennutzung des Güterbahnhofs der Deutschen Bahn hat begonnen. Ein Restaurant mit Musik-Lounge wurde eröffnet. Doch beim Projekt «nt/Areal» geht es um mehr als um Beiz und Parties: Die Macher wollen in einem neu entstehenden Quartier erste Spuren legen.

 

An der Erlenstrasse 23 versperrt ein geschmiedetes Tor den Weg. Seine Zacken ranken sich in die Höhe wie Wildblumen. Noch bellen einige Verbots- und Hab-Acht-Schilder den Besucher an. Doch daneben hängt ein Vitrinchen: Es wirbt für «nt/areal» und «Erlkönig», die Kulturoase auf dem halb verödeten Areal der Deutschen Bahn in Basel. Vorbei an Lastern und den Rampen des Güterbahnhofs führt die Strasse zur alten Kantine und zur ehemaligen Wagenmeisterei. Plötzlich steht man inmitten eines weiten, offenen Geländes, zwischen überwucherten Geleisen und Industriegebäuden..

...Nachmittag...

Von den beiden Gebäuden, die seit einigen Wochen vom «Verein k.e.i.m.» bewirtschaftet werden, war das grössere früher die Kantine der deutschen Eisenbähnler. Das kleinere ist ein niedlicher Backsteinbau: die Wagenmeisterei. Die Kantine wurde zum «Erlkönig» erhoben und wurde seit der «Art» zu einem Szene-Treffpunkt mit Restaurant, Bar und Musik-Lounge. Das Haus ist weiss gestrichen, zweistöckig und gebaut, wie hundert Jahre alte Bahnhöfe in Europa eben gebaut sind.
An diesem Nachmittag ist der Ort ein verschlafenes Idyll. Überall wuchern Brombeeren. Die rostenden Geleise verlieren sich bis zum Fluss hinunter - zur Wiese - im Gestrüpp. Aus dem trockenen Boden spriesst ein Kunterbunt von Blumen und Gräsern: eine Pioniervegetation. Vom Dach von drei nahen Zuckersilos aus hat der Kletterer einen grandiosen Blick über das ganze Brachland zu seinen Füssen... Auf dem Territorium ist in den letzten Jahren der Güterbetrieb allmählich spärlich geworden. Doch plötzlich wächst mit dem Projekt «nt/areal» zum ersten Mal etwas Neues. Es ist der Keim jenes Stadt teils, der dereinst hier entstehen soll.

...Abend...

«Wir haben die Absicht, Spuren für die Zukunft zu legen» sagt Matthias Bürgin, der mit Philippe Cabane «nt/areal» initiiert hat. Bürgin und Cabane sind Städteplaner. Seit Herbst 1997 beschäftigen sie sich mit den 180'000 Quadratmetern Land am Stadtrand. Beim Rundgang durch das Gelände erklärt Bürgin, warum das Projekt nicht eine Zwischennutzung im herkömmlichen Sinn ist: «Wir wollen ein Bewusstsein für Urbanität wecken, bevor die Bagger auffahren.» Der Geograph spricht von den vielen Ideen, die es für die Nutzung des ausgedienten Güterbahnhofs schon gibt. Der Besucher spinnt zusätzlich seine eigenen Träume. Das überrascht Bürgin nicht: «Was ich bei Gästen erlebe: Hier fängt
bei jedem die Fantasie zu laufen an.» Wenn es Abend wird, beginnen die Fassaden im Osten zu glühen. Jeanny Messerli, Dirk Onescheit und Dominik Bissegger öffnen bald ihren «Erlkönig». Jeanny kümmert sich um die Bar, die Lounge und den Speisesaal. Die ehemalige Kantine ist als solche nicht wiederzuerkennen. Seiner Bürgerlichkeit zum Trotz hauchen die Designermöbel aus den 50er Jahren dem Ort etwas Zeit geist ein. «Er ist schön, aber nicht gestylt», sagt Jeanny, «und vor allem er wartet man diese Art von Lokal nicht, wenn man über das Gelände zu Fuss hierher kommt.»

...und Zukunft

Die Küche ist geräumig und hat grosse Fenster nach Westen. «Wir kochen bei Sonnenuntergang», lacht Dirk. Heute reichen die beiden Köche Kaninchen in Kirschenbier, Ossobucco, Pasta mit Gemüse und mehr. Im Speisesaal ist weiss aufgedeckt. Das Interieur glänzt dezent unter seinem Kronleuchter. Der «Erlkönig» liegt ganz im Trend zur gehobenen Alternativ-Gastronomie. Auch die Bar - die sich gegen elf Uhr zu füllen beginnt - hat nichts von einem Treffpunkt alternativer Wilder. Seit letztem Montag ist «k.e.i.m.» endlich im Besitz einer definitven Betriebsbewilligung. Jetzt wurde auch der Veranstaltungskalender veröffentlicht: hauptsächlich Musik und Filme. Übrigens können das Programm und Hinter gründe zum Projekt im Internet unter «www.areal.org» konsultiert werden.
Mittlerweile legt in der Lounge ein DJ elektronische Musik auf. Gerade wild geht es ja nicht zu. Die Gäste stehen und sitzen so herum. Die Sessel stammen zum Teil aus Wartesälen. Tatsächlich hat man das Gefühl, die Leute erwarteten etwas. «Im Moment wird das Projekt noch als Beiz, Bar und Ort für Parties wahrgenommen», er zählt Matthias Bürgin. Das soll sich ändern, wenn im zu gründenden «Labor» städteplanerische und künstlerische Impulse für die Zukunft des Areals erarbeitet werden. Die Macher von «nt/ areal» sind Hoffnungsträger für die Menschen im Quartier und für all jene, die sich für das DB-Areal ein sinnvolles Stück Stadtentwicklung erhoffen.

Matthias Wyssmann


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