Quartierlabor
Artikel im Surprise Nr.194
Kultur
Quartierlabor
Gemeinsam kreativ
Im Kleinbasler Quartierlabor Erlenmatt treibt
das künstlerische Schaffen
vielfältige Blüten. Die Atmosphäre eines Kulturorts
auf Zeit lässt viel Raum
für das Entdecken der eigenen Interessen und
Fähigkeiten.
VON MICHELE FALLER
«Hier sollen sich die Leute wohl fühlen - wie daheim!» Dominik Ziliotis
von der Künstlergruppe «AIRTRAIN» schmunzelt
beinahe überrascht
ob der eigenen Beschreibung des Quartierlabors,
in dem seit gut
einem Jahr auf allen Gebieten der Kreativität
geforscht wird. Das von
AIRTRAIN betreute Quartierlabor ist nur eines
von unzähligen Projekten
auf dem 18 Hektaren grossen Erlenmattgelände
- dem ehemaligen
Güterbahnhofareal der Deutschen Bahn im
Kleinbasel - wo im Sinne
einer Zwischennutzung seit rund zehn Jahren
zahlreiche Freiflächen
erschlossen worden sind.
Leuchtend rot präsentiert sich das flache
Gebäude mitten in der
Industrielandschaft. Hier drinnen befindet sich
das Quartierlabor: ein
grosser heller Raum mit einem kleinen
Trampolin in der Mitte, Leder·
matten in der einen Ecke und einem Regal
voller Spielsachen und
Schachteln. Auf der anderen Seite des Raums
sticht eine beeindruckend
ausgestattete Bühne ins Auge. Gegenüber dem
grossen Teppich mit
Schlagzeug, Keyboard und verschiedenen
Trommeln steht eine Art
Holzbaracke, die sich als veritables
Tonstudio entpuppt. «Das haben
wir bereits seit zehn Jahren», erklärt
Ziliotis stolz.
Im Gegensatz zu einem Quartiertreffpunkt, wo
das Sich-wohl-fühlen
ja ebenfalls möglich ist, wird im
Quartierlabor aktiv etwas geschaffen.
Es versteht sich nicht als Veranstaltungsort
mit fixem Programm. Sondern
als gemeinschaftliche Kunstplattform, die
allen interessierten
Personen (auch von ausserhalb des Quartiers)
offensteht, die etwas
vermitteln, lernen oder gemeinsam gestalten
möchten. Das heisst: Die
Besucher machen das Programm selber,
demnächst wird das Impro
Singen starten. Bereits etabliert ist «(Art
Works», Malen und Gestalten
unter der Leitung einer Kunsttherapeutin.
Sonntags stehen kurdische
Musik und Tanz auf dem Programm, wo sich
mittlerweile auch NichtKurden
einen Platz hinter der Trommel erobert haben.
Ebenfalls Tradition
hat der Dubcircus in all seinen Spielarten:
die Spezialität
der Künstlergruppe «airline» - aus welcher
AJRTRAIN hervorgegangen
ist - könnte als niederschwellige Jamsession
umschrieben werden.
«Wir sind sehr zufrieden mit der
Zusammenarbeit», sagt Andrea
Blattner, Geschäftsleiterin des Vereins «V.i.P.»,
der AIRTRAIN sein
Quartierlabor anvertraut hat. «(Vi.P.» - die
Vereinigung interessierter
Personen - engagiert sich seit 2003 in der
Zwischennutzung Erlenmatt.
Im Gegensatz zum Verein k.e.i.m, der sich
seit Mitte 2000 - damals erteilte
der Kanton die definitive Bewilligung zur
Bewirtschaftung des
Areals - hauptsächlich im Gastrobereich
betätigt, macht ((V.i.P.» vor allem
Quartierarbeit. Der Verein koordiniert die
verschiedenen Projekte
SURPRISE 194;09
Experiment Musik: Der «Dubcircus.. als Manege
für niederschwellige Jazzsessions
auf den Freiflächen; vom Kinderprojekt und
der Nachwuchsbühne
über Trendsportarten bis zum Sonntagsmarkt (und
eben dem Quartierlabor.
«Wir möchten nicht unterhalten», erklärt
Blattner, ({sondern Bedürfnisse
aufspüren.»)
Das Konzept der «unverbindlichen
Verbindlichkeit», wie der Künstler
Ziliotis es nennt, scheint zu funktionieren.
Es gebe weder Verträge
noch Mitgliederbeiträge. und (trotzdem regle
sich das Finanzielle problemlos
mit individuellen Spenden. Wer etwas zum
Programm des
Quartierlabors beitragen möchte, kommt am
ersten Samstagabend des
Monats vorbei und stellt seine Idee vor.
In wenigen Monaten werden die Wohnungen des
in der Nachbarschaft
neu entstandenen Erlenmattquartiers bezogen.
Das Quartierlabor
und alle anderen Projekte von (~V.i.P.» sind
davon aber nicht betroffen
und können weiterhin wirken. «Wir wollen
Brücken bauen und
auch bereits bestehende Angebote wie das Quartiermittagessen
ins
neue Wohnviertel bringen», erklärt Blattner.
So ein nagelneues Quartier
müsse schliesslich erst beleb werden! Und
daran wird gearbeitet. Auch
im Labor gleich nebenan.
Link: www.surprise-ch.org/