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Live: Joachim Deutschland Support: Slimboy

Samstag 23.10.2004

Er sieht aus wie eine 2 Meter Version von Jimmy Hendrix, er ist laut und hart, manchmal auch zart, er ist provokativ, manchmal etwas pubertär und ziem Liebe Freunde Deutschlands, Es gibt zu viele Menschen, die dir ins Gesicht lachen, nur um dir in den Rücken zu fallen. Es gibt zu viele Menschen, die ihr Leben lang nie sagen oder tun, was sie wirklich fühlen. Diese Menschen werden schnell alt und fragen sich dann, warum sie so unglücklich sind. Es gibt zu viele Menschen, die Charakterstärke mit finanzieller Sicherheit verwechseln, und diese fragen sich dann, warum keiner sie ohne ihr Geld toll findet. All das beschäftigt mich jeden Tag mindestens eine Minute. Die übrigen 1439 Minuten beschäftigen mich vorwiegend Frauen. Darum schreibe ich meine Lieder über Frauen und andere Probleme. Musik wegen Frauen. Ich mache auch Musik wegen mir, wegen Deutschland. Joachim Deutschland. So heiße ich - treffender Weise, weil ich alles verkörpere, was dieses Land noch liebenswerter machen könnte: Offenheit, Toleranz, Charakter, Stil, Farbe, Frische, Liebe, Ehrlichkeit, Selbstbewusstsein und Stereo-Gitarren. Dinge, die wir hier alle gut gebrauchen können. Dafür gebe ich mich hin und her, singe Lieder, die von Herzen kommen und auch mal voll auf den Arsch treffen. Lieder, für die man nasse Füße in Kauf nimmt. Neue Deutsche Flut. Lasst uns Dämme einreißen und wieder ganz eng zusammenrücken! Denn: Ihr dürft 2003 neu wählen. Deutschland für Deutschland! Und damit ihr wisst, zu wem ihr euch ins Boot setzt, stelle ich anschließend die kurze Geschichte Deutschlands vor. Woher ich bin, was ich angestellt habe und wofür ich nichts kann. Ahoi! Ich bin aus Stuttgart. Seit 1980. Lebe in München, seit 2001. Zwischendurch sahen die Gemeinden Rhen (Schleswig-Holstein, 90-93), Hamburg-Eimsbüttel (93-96), San Diego (96-99) und Los Angeles (99) zu mir auf. Ich bin 1,90 Meter groß. Von 2000 bis 2001 regnete ich auf die Welt herab, aus mehreren Kilometern Höhe. Schirm hatte ich dabei. Mein Opa hieß auch Joachim und war Komponist. Seine Lieder spiele ich aber nicht. Mein Vater heißt Johannes, trompetet Jazz, singt Opern, spielt Schau und Piano. Wir verstehen uns blendend, seinet wegen kam ich nach München. Meine Mom ist Jazzsängerin und kommt aus Denver. Mit Schrecken erinnere ich mich an ihr tägliches Stimmtraining. Es klang, als ob Außerirdische um Hilfe schrien. Ich wollte nie Außerirdische kennen lernen, Frauen sind Mysterium genug. Dagegen ist Basketball eine runde Sache. Schon im ETV Eimsbüttel füllte ich damit Körbe. Um es richtig zu spielen, ging ich nach San Diego. Auf Empfehlung von Earvin "Magic" Johnson. Das ist die Wahrheit. Ich sage immer nur die Wahrheit. (Auch in meinen Liedern. Die gefühlte Wahrheit.) Ich hatte ihn 1995 in Monaco kennen gelernt, wo mein Vater ein Konzert mit chak-chak-chak-chak-Chaka Khan gab. Also spielte ich in San Diego in der High-School-Mannschaft, anschließend in L.A. im College-Team. Hätte immer so weiter gehen können, Deutschland-for-America-mäßig, aber 1997 bekam ich eine Gitarre in die Finger und fing an, die zwei Akkorde aus Jodecis "Good Luv" nachzuspielen. War das ein Fieber! Die Familiengene haben mich wie eine Grippe erwischt. Irgendwann schaffte ich mehr Akkorde als Körbe. Den letzten Korb gab ich dem Basketball - es hat einfach weniger Spaß gemacht als GITARRENGITARRENGITARREN! Das amerikanische Schulsystem kotzte mich an. Es war ein von Lügen und Marketing durchsetztes Leer-Zentrum. 2000 stand mir der Magen bis zum Hals - da wollte ich die Army ausprobieren und Fallschirmspringer werden. Zuerst ging's ins Fort Benning Garrison, Georgia, wo ich durchs Bootcamp (schnelle, harte Schule), die Jump School (Springen lernen beginnt ohne Schirm!) und das R.I.P. (ranger indoctrination program) robbte. Anschließend verschlug es mich ins Fort Bragg, North Carolina, zu den "All-Americans" der 82. Luftlande-Division ("Die größte Fallschirmstreitkraft der freien Welt"). Ein ziemlich dummer und rassistischer Haufen. Ich war mir so sicher, desertieren zu müssen, um Musik zu machen, wie ich zuvor sicher war, dass die Army mein nächster Schritt sein würde. Es war wie Liebe: unbeschreiblich und notwendig. Erinnert euch: Es gibt zu viele Menschen, die nie tun, was sie wirklich fühlen - und ich wollte weder früh sterben, noch schnell altern, noch unglücklich werden.

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