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Zwischennutzungen in Basel

Beispiele seit der Alten Stadtgärtnerei

Ausgangslage
Während Genf seine Squatter-Szene nach und nach legalisierte und Zürich gegen die Besetzung von Industriearealen anging (z.B. Wohlgroth), tat sich auch Basel schwer mit den Raumansprüchen, die in der Zeit der sogenannten 80er-Jugendunruhen manifest wurden. Überall suchten Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene nach Freiräumen, um gegenüber der etablierten Gesellschaft einen Kontrapunkt zu setzen.

Allen nachstehend aufgeführten Projekten ist gemeinsam, dass sie im Kollektiv von der Basis her entwickelt worden sind. Die Rolle von Eigentümern und Behörden beschränkte sich auf das Tolerieren. Trotzdem - oder gerade deshalb - hatten sie eine grosse Ausstrahlung auf das städtische Leben. Allerdings stand noch keines dieser Projekte im Fokus der Stadtentwicklung i.e.S., an keinem der Standorte hat die Zwischennutzung räumliche Spuren hinterlassen (Ausnahmen: Umnutzungen).

Plan der Zwischennutzungen (rot) und Umnutzungen (blau) in Basel

Alte Stadtgärtnerei
Am Anfang dieser Bewegung stand das Autonome Jugendzentrum (AJZ) an der Hochstrasse. Anfangs der 80er-Jahre wurde ein Gelände besetzt, auf dem der damalige Bankverein (SBV) nach einem strategischen Immobilienkauf ein Dienstleistungszentrum bauen wollte. Nach der Schleifung nahmen die vertriebenen, aber erfahrungshungrigen Leute von der ehemaligen Stadtgärtnerei im St. Johanns-Quartier »Besitz«, wo sie in einem skurrilen Ambiente neue Formen der Kultur, des Gewerbes und des sozialen Zusammenwirkens erproben konnten. Ein knapper Volksentscheid und - als dessen Konsequenz - die polizeiliche Räumung setzten diesem Experiment 1988 ebenfalls ein Ende. Aus der beabsichtigten Umnutzung war eine Zwischennutzung geworden.

> Film zur alten Stadtgärtnerei (von Michael Koechlin, SWR, 1988, 43 Min.)

Schlotterbeck
Nach einer kurzen Zwischenstation im ehemaligen Kino Union im Kleinbasel (1989 polizeilich geräumt) und ideologisch einigermassen gefestigt, waren diese Akteure entschlossen, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. In der denkmalpflegerisch wertvollen, aber nicht geschützten Schlotterbeck-Garage fanden sie eine Bleibe, deren Dauer aber von Anfang an auf drei Jahre begrenzt war. In dieser Zeit konnten sie ihr »sozialplastisches« Vorhaben verfeinern: über 70 Nutzer/innen versuchten auf 2‘500m2 neue Formen des Zusammenlebens und -arbeitens, sowie der Kommunikation in einem kulturell-gewerblichen Kontext; der Begriff des »Werkraumes« war in die Tat umgesetzt und vereinte nebst einigen skeptisch-zweifelnd-missgünstigen Stimmen viel Lob auf sich. Finanzielle und ideelle Unterstützung erhielten sie von staatlicher, wirtschaftlicher und privater Seite. Beinahe gehörte es zum guten Ton, eine Jahresversammlung im grossen Forum des Schlotterbeck abzuhalten. Neu im Werkraum Schlotterbeck war die Abkehr vom agitatorischen Prinzip einer Besetzung. Mit der Besitzerin, der ehemaligen Schweizerischen Volksbank (SVB), wurde ein Mietvertrag ausgehandelt, was den Fundamentalisten der Bewegung v.a. angesichts der Höhe der Miete ein Dorn im Auge war. Überdies gab man sich rechtlich verbindliche Strukturen und stellte einen Koordinator an. Die Resonanz war so gross, dass noch vor Beendigung des Projektes eine Publikation mit aufwändigem Bild- und Textmaterial erschienen ist.

In diesem Kontext entstand auch der b.e.i.r.a.t., Verein für Raumwirklichkeiten, der fortan weitere Räumlichkeiten für die Zwischennutzung aufspürte und diese auch sicherte und betreute.

Stückfärberei/Stücki

Etwa in die gleiche Zeit (1989-95) fällt die Zwischennutzung der »Stückfärberei« in Kleinhüningen: Theaterraum, Kleingewerbe, Grossdisco und verschiedene Clubs funktionierten auf 2.6 ha nebeneinander, allerdings ohne eine gemeinsame ideelle Ausrichtung. Zwar zogen die diversen Events viele Leute in das Basler Hafenviertel, doch eine prägende Erinnerung blieb nach dem Ende der Zwischennutzung nicht zurück. Eine Umnutzung (Neubauten für Wohnen und Gewerbe) war schon ab Ende 1999 vorgesehen; bald folgte eine Zeile mit Wohnbauten, das grosse Einkaufszentrum wurde aber erst 2009 eingeweiht. Damalige Besitzer: Konsortium Stücki.

Werkraum Warteck

Die »Schlotterbeck-Generation« engagierte sich weiter für die Idee des sozialplastischen Experiments. Nach einer kurzen und polizeilich beendeten Besetzung konnten Teile der ehemaligen Brauerei Warteck (2‘600m2) übernommen werden. Durch ein raumplanerisches und vom Souverän mitgetragenes Abtauschgeschäft vom Abbruch bewahrt und in vielen Plenumssitzungen inhaltlich zementiert, wirkt dort seit 1993 ein multifunktionales Kollektiv. Zwar handelt es sich um eine Umnutzung; doch um nicht in der Trägheit definitiver Strukturen zu ersticken, geben die NutzerInnen ihrem Projekt unter dem Motto »permanentes Provisorium« den Charakter einer Zwischennutzung. Warteck Invest AG als Eigentümerin finanzierte die Sanierung der Aussenhaut und die Heizung und versorgte alle Räume mit einer Basisinfrastruktur. Als Miete verlangt sie von der Trägerschaft den symbolischen Betrag von einem Franken für die ganze Anlage.

Nach und nach konnte der Verein b.e.i.r.a.t. drei weitere Zwischennutzungsprojekte initiieren und mehrheitlich kulturellen Tätigkeiten zuführen: Frobenius, Bell und Kiosk.

Frobenius
Ehemalige Druckerei in Basel-West, Zwischennutzung (Ateliers, Werkstätten, Büros, Club) auf 1‘000m2 von Juli 1992 bis März 1993, heute Einkaufszentrum, Besitzerin: Coop Basel.

Bell
Ehemalige Wurstfabrik an der Elsässerstrasse, Zwischennutzung (Ateliers, Werkstätten, Proberäume, Büros, Jazzclub, Loftwohnungen, Restaurant, Veranstaltungshalle) auf ca. 5‘000m2 in zwei Gebäudekomplexen von März 1993 bis Dezember 1997 bzw. Dezember 1999 , nach der Zwischennutzung wieder für Wurstfabrikation genutzt. Besitzerin: Bell AG.

Kiosk AG
Vormals Verteilzentrale für Kiosk-Bedarf und Asylheim, direkt hinter dem Bahnhof SBB im Gundeldingerquartier, Zwischennutzung (Ateliers, Werkstätten, Büros, (Loft)Wohnungen, Halle für Veranstaltungen und Ausstellungen) auf ca. 3‘700 m2 von Oktober 1994 bis 2001. Umnutzung des Areals für die Passerelle über die Bahnhofsgeleise, eine Zufahrtsstrasse zum Bahnhof und für ein Neubauprojekt mit gemischter Nutzung (Südpark, Baubeginn 2009). Besitzerin: Schweizerische Bundesbahnen.

Epoque & Unternehmen Mitte
Einige Personen aus demselben Umfeld lancierten 1998 das Projekt »Epoque« in einem leerstehenden Stadtpalais mit grossem Umschwung an der Gartenstrasse in der Nähe des Bahnhofs SBB. Insbesondere die herrschaftliche, aber etwas heruntergekommene Atmosphäre und der gestalterische Reichtum waren ausschlaggebend für den grossen Publikumszustrom. Wohnen in den oberen Stockwerken, Gastronomie und Sitzungszimmer im Erdgeschoss waren rundum beliebt. Selbst Regierungsmitglieder luden zu Empfängen. Nach Eigentümerwechsel und Planung eines Um-/Neubauprojektes für die Villa sicherten sich die Initianten per 1.1.99 ein monumentales Gebäude an attraktiver Lage im Stadtzentrum, den Hauptsitz der ehemaligen Volksbank (SVB) an der Gerbergasse, der von einer privaten Stiftung erworben und den Nutzer/innen zur Miete überlassen wird. Allerdings geht man nun nicht mehr von einer Zwischennutzung aus, sondern von einem definitiven Betrieb, der wie im Warteck ebenfalls unter dem Motto »permanentes Provisorium« steht. Bedeutende Nutzungen sind die Bar »fumare - non fumare«, das Kaffehaus, die Freie Gemeinschaftsbank BCL, Büros, Multimedia, Ateliers, Wohnen.

Gundeldinger Feld
Einige Personen aus dem Umfeld des Unternehmens Mitte und aus dem Gundeldingerquartier verwirklichten ihren Traum eines vielfältigen und kleinstrukturierten lebendigen Zentrums für Freizeit, Kultur und Gewerbe auf dem fast 13'000 m2 grossen Areal der ehmaligen Maschinenfabrik Sulzer-Burckhardt. Der Architekturpublizist Benedikt Loderer beschreibt das Projekt als «Stadterneuerung mit der architektonischen Hausvatermethode»: Stehen lassen was noch brauchbar ist, im Wissen darum, dass nicht die Hülle, sondern der Inhalt entscheidend ist, Bauten also notwendig, aber keineswegs ausreichend sind. Denn, so Loderer, «man kann eine Fabrik mit viel Architektur zu einem Shopping Center machen, aber nicht zu einem lebendigen Quartierzentrum.»
Link > Gundeldinger Feld

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